Fragen Sie nicht. Das war der zweite Konferenztag

Das Tragische an Pegida ist nicht, dass es Hohlköpfe sind. Das Tragische an Pegida ist, dass es Menschen sind wie unsereins. 

Das Tragische an den Ertrinkenden ist nicht, dass es Flüchtlinge sind. Das Tragische ist, dass es Menschen sind wie unsereins.

Zweiter Konferenztag

Fazit von Anne Aschenbrenner

Am zweiten Konferenztag war Tofu und Inhalt:

Im Auftaktgespräch sprach Matthias Lilienthal (Intendant der Münchner Kammerspiele) einleitend mit Sophie Diesselhorst (nachtkritik.de) und Dirk Pilz (nachtkritik.de) über die Rolle von Politik und Theater, über Aktivismus und Christoph Schlingensief.

Amelie Deuflhard (Künstlerische Leiterin, Kampnagel Hamburg) diskutierte mit Wilfried Schulz (Intendant, Staatsschauspiel Dresden) über das Projekt mit den Lampedus Flüchtlingen (das Deuflhard schließlich eine absurde Klage eingebracht hat) und Pegida in Dresden. Cem Özdemir (Bundesvorstand Bündnis 90/Die Grünen) war leider krankheitsbedingt verhindert.

Árpád Schilling (Regisseur, Theater Krétakör) sprach über die Situtation der Kunst  in Ungarn.

Eero Epner (Leitender Dramaturg & Autor, Theater NO 99 , Tallinn/Estland) sprach mit Christian Römer (Referent Kultur und Neue Medien, Heinrich-Böll-Stiftung) über künstlerischen Aktivismus und Wahlkampfhacking im Theater in Estland.

Allen Vorträgen gemein waren die Fragen, denen sich „das Theater“ gegenwärtig stellen muss:

Ist Theater „Plattform für ästhetisch Spielarten“ oder „Player im politischen Feld“? Oder beides? Wie kann Theater politisch sein? Muss Theater sich einmischen? Ist Theater ein Sozialamt? Wie weit darf Theater gehen, wenn Randgruppen auf die Bühne gebracht werden? Was würde Schlingensief heute tun? Und wer übernimmt seine Rolle?

Welche Skills werden im Theater der Zukunft relevant? Wie sieht die Schauspielausbildung der Zukunft aus? Sind wirklich alle Theater pegida-frei? Ist ein hoher Anteil an MitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund ein Gütesiegel?

Menschen bei der Staatsanwaltschaft anzeigen, weil sie Menschen helfen, warum macht man das (heute noch immer)? Flüchtlingshilfe war auch einmal positiv besetzt, wann hat sich das verändert – und warum? Und überhaupt: Flüchtlingen zu helfen, gegen Rassismus zu sein – ist das wirklich (eine) Kunst?

Es sind Fragen, die gestellt werden müssen, die diskutiert werden müssen. Fragen, vor deren Hintergrund mascheks Satiren besonders bitter schmecken: Wir haben keine Lösung legen Peter Hörmanseder und Robert Stachel, die auch heuer wieder bei Theater & Netz zu Gast waren, dem amerikanischen Präsidenten in einer Rede vor der UNO in den Mund. Und die österreichische Innenministerin lassen sie sagen: „Wir sorgen einfach dafür, dass die Flüchtlinge in kleineren Booten ertrinken. Je weniger Menschen auf einmal ertrinken, desto geringer ist die Aufmerksamkeit.“

Augen zu und durch? Kämpferisch zeigten sich bei #tn15 die Podiumsgäste:

Hängt politische Botschaften vors Haus“ (Ingo Sewilla),

Sperrig sein, die Axt auspacken – das gehört schon auch noch zur Kunst. Mehr Mut zur Konfrontation“ (Christian Rakow)

Noch sind die Theater stark. Kämpft. Stellt Fragen.“ (Wilfried Schulz)

Was soll ich euch sagen: Wir haben Tofu gegessen.

Bier minus Brezeln gleich Wein

Theater und Netz. Arbeit und Appetit. Hemmung und Häppchen. Es muss dann doch etwas zur kulinarischen Situation gesagt werden. Die Wien – Berlin Connection, die im Bloggerspace vom letzten Jahr ihre Twitterbekanntschaft in eine Real-Life-Freundschaft-zwischen-Städten umgewandelt haben, berichten.

Ein nicht-mehr-ganz-so-live-Bericht

von Berlin (Eva Biringer) und Wien (Anne Aschenbrenner) 

Berlin

Nachdem schon am ersten Konferenztag ein explizit als solches ausgewiesenes vegetarisches Mittagsessen serviert wurde, konnte das Rätsel seiner Herkunft am Sonntag geklärt werden. Für das Catering zeichnete W – Der Imbiss in der Kastanienallee verantwortlich. Was für ein Glücksfall! Dass die Enchilladas mit Tofuhack und Käse (in der veganen Version ohne) vom Samstag ein wenig trocken waren, lag vielleicht an der vorgerückten Stunde der Verkostung; so ernst nehmen wir unsere Bloggerpflicht. Pur geschmacklich neutral, verhalfen Guacamole und Sour Cream dem dazu gereichten Maisbrot zum mittelgroßen Auftritt. All das mit einer flotten Schärfe, die dem ein oder anderen zart besaiteten Bloggerauge ein Tränchen entlockte.

Weitaus raffinierter fiel der Lunch am zweiten Konferenztag aus. Gedämpfter Tofu, Blattspinat mit Feta, knackige Grüne Bohnen, Champignons und glasierte rote Zwiebeln, dazu Klebreis mit Nüssen. Konsequent wurde der nachhaltige Anspruch bis hin zum Holzgeschirr zu Ende gedacht.

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Unklarheit bestand hingegen in der Provenienzfrage des Kleingebäcks. Während beider Konferenztage sorgte die Heinrich-Böll-Stiftung für eine quasi lückenlose Keksversorgung. Donnerwetter, waren die lecker! So lecker, dass zur Lückenüberbrückung geheime Kekeslager eingerichtet wurden. Kross oder mundfüllend-weich, herb oder mit ausbalancierter Süße. Egal ob Mohn-Kokos, Nuss, Mürbeteig mit Sonnenblumenkernen oder Florentiner – jeder hatte Applaus verdient. Bravo!

Für Unmut im Oberrang sorgten hingegen die für den Konferenzausklang angesetzten Bier und Brezeln. Obgleich manch ein Blogger Punkt 17 Uhr alles stehen und liegen ließ, konnte er am Ende des ersten Konferenztages keine der begehrten Brezeln ergattern. Manch einer hielt sie für ein Gerücht. Das Bier soll geschmeckt haben und führte zu grundsätzlichen Überlegungen zu Start-up-Gründungen im Biersegment.

Beim Wein belässt man es bei je einer Sorte rot und weiß. Vor dem ersten Schluck erinnerte der 2012er Spätburgunder von Trautwein den Mittester an „Schwein“ oder, etwas subtiler, an durchwachsenen Speck, satt und mit charakteristischer Räuchernote. Allerdings hielt er dieses Versprechen nicht, war
am Gaumen schal und wenig lebhaft.

Eine bessere Wahl war der mit Demeter-Siegel zertifizierte Rivaner, ebenfalls von Trautwein. In der Nase Zitrus, mit jener frühsommerlichen Frische, nach dem sich die Stadt Anfang Mai so sehnt, mit einer Vorahnung von klarer Säure, stärker gerochen als geschmeckt. Trotz etwas fahlem Nachgeschmack wurde er auf eine banale Art gemocht, „wie Popmusik“.

Danke an Mittester Mr.B., weil zwei Zungen immer mehr schmecken als eine.

Danke an Vivino, für die lückenlöse Aufklärung über die Getränke in unserem Glas.

Danke an die Heinrich-Böll-Stiftung für die voraussschauende und herzliche Betreuung aller Bloggerbefindlichkeiten.

Danke an Musik mit allem und viel Scharf für das wunderlichste Kaffeevideo des ersten Halbjahres.

Wien

Berlin hat alles schon gesagt, was ich gesagt hätte, nur viel eleganter. Ich als Wiener Proletenkind, das noch nicht komplett hipsterisiert ist („Hilfe, ich habe glutenfrei gegessen!“) litt in erster Linie am Brezel-Mangel – es wäre das einzige, worüber ich schreiben hätte können. Die Kohlenhydrateaufnahme durch Bier allein hatte für zumindest einen von uns handfeste Folgen, da er Jacke mit Schlüssel liegen ließ und dann am Ende sonst wo übernachten muss, denn nachts schläft auch die Böll-Stiftung und Jacke mit Schlüssel holen in dem Sinn: Fehlanzeige.

Zu den Keksen vielleicht die Geschichte von Laura (#esgehtumlaura), die „zum Frühstück alles gegessen hat: Soja, Früchte, Nüsse, Honig und Kerne.“ Alles in einem Keks! Mangels Zeit – ein rezidivierendes Problem im Bloggerspace – haben wir auf den Böll-Stiftung-Keks-Werbe-Spot-Dreh leider verzichten müssen. Dafür ist uns ein neuer Slogan für die nächste Konferenz eingefallen: Böll statt Böller. Die Kalauer waren vermutlich auch… im Keks.

Um mit der Wein-App (jetzt einmal wirklich Wein, nicht Vine – die digitale Welt macht echt alles schwierig!) den Wein zu bestimmen, tunkt man übrigens nicht das Smartphone ins Weinglas, sondern scannt die Flasche. Oder so ähnlich. Sie sehen: Bloggerspace kann auch lehrreich sein.

Theaterblogs – ein Suchbild

Theaterblogs: Bei „Theater und Netz 2015“ waren sie überall: Sie hatten einen eigenen Raum, ein Live-Blog, einen Workshop ihnen, einen mit Publikum. Dazu noch Kaffee, Kekse und Drogen (Bier und Mohnkekse). Es gibt sie also, sie sehen auch gar nicht alle gleich aus, es gibt jüngere und solche kurz vor der Bloggerpension (Rente klingt so prosaisch), Journalisten und Laien, Theaterleute und solche, bei denen man es gar nicht wissen will. Selbst eine Österreicherin wurde gesichtet. Da konnte man twitternden Theatern und schreibenden Zuschauern, Blogkollektiven und vereinsamten Tasten-Egos begegnen, die, wenn sie nicht gerade nach dem albernsten Wortspiel suchten oder sich mit größter Sorgfalt um die Weinvorräte der Böll-Stiftung, sich darüber zu verständigen bemühten, was und warum sie hier eigentlich tun. So wahnsinnig weit kam man dabei nicht. Die Über-Theater-Schreiber verständigten sich immerhin darauf, dass es eine Mischung aus Liebe zum Theater und Schreibleidenschaft sei, die sie antrieb, während sich die interne Blogwelt im Spannungsfeld zwischen dem Öffnungsversuch von Theatern, die gleichzeitig die Oberhoheit über das im eigenen Namen Gebloggte behalten wollen (am Beispiel des Hamburger Thalia Theaters) und einem Festival (das Theatertreffen), das schon fast penibel die Unabhängigkeit seines jährlich wechselnden Bloggerteams betonte. Ein einheitliches Bild ergab sich in beiden Fällen nicht – vielmehr gewann der geneigte Besucher den Eindruck, hier sei noch etwas im Entstehen, das an seinem Selbstverständnis noch zu arbeiten hat.

Und vielleicht liegt genau hier, in der Nichtfassbarkeit dieser „Szene“ – auch durch sich selbst – ihr Wert, ihre Bedeutung. Denn was Hobbykritiker und Theatertreffen-Blog, bloggende Theater und Journalisten mit Nebentätigkeit eint, ist vor allem ihre Suchbewegung, das Stochern im Theater- und Sprachnebel nach Nischen, inhaltlichen wie stilistischen, nach Ausdrucksformen und theatralen Spielarten jenseits breiter Öffentlichkeit, nach einem inklusiven Diskurs, der überkommene Grenzen – hier das Theater, dort die Kritik, außen vor Leser und Zuschauer als passive Konsumenten – einreißt oder sie zumindest verschwimmen lässt, in dem das außen und Innen zunehmend undeutlich werden und jahrhundertealte Gewissheiten sich hinterfragen lassen müssen. Schön zu erleben, war das in diesem Blog: einer verwirrenden Vielfalt and Stimmen und Versuchen, die sich nicht zu einem einheitlichen Bild fügen wollten und das Experiment gerade deshalb für die Beteiligten – und den Leser? – so spannend machte. Kein Zufall, dass sich die Beiträge nicht nur immer wieder selbstreferentiell mit der eigenen Form befassten, sondern wiederholt das Scheitern, das im Ausprobieren immer mitzudenken ist, selbst thematisierten.

Vielleicht sind Theaterblogs eine schnell wieder verschwindende Marotte pseudopartizipativer und krampfhaft modern erscheinen wollender Theatermacher und selbstverliebter Narzissten mit Mitteilungskomplex. Oder sie demokratisieren einen Bereich – das Schreiben und Sprechen über diese seltsam aus der Zeit gefallene Kunstform Theater – der bei allen anderslautenden Beteuerungen  die hierarchische exklusive Einbahnstraßenkommunikation nie ganz aufgegeben hat und führen letztlich zu einer Öffnung des Diskursraumes, die in ihrer wirklichen Einbeziehung der stummen Rezipientenmasse Theater, Kritik und Publikum nachhaltig verändern wird. Vermutlich liegt die Wahrheit wie zumeist irgendwo anders – zwischen den Polen, die womöglich gar keine Spinn, oder in einer Dimension, die wir noch gar nicht zu denken in der Lage sind. Nein, wichtig ist das, was wir machen, vermutlich nicht. Und wenn doch, dann täten wir gut daran es nicht zu merken. denn es könnte unsere Fähigkeit beeinträchtigen, immer besser und schöner zu scheitern. Und was ist denn dieses komische Ding, über das wir schreiben, anderes?

Nachlese Konferenz Theater + Netz #tn15… aus Twitter-Sicht

Theater + Netz 2015 ist also schon wieder vorbei. Aber das Netz vergisst ja zum Glück nichts, im Gegensatz zu uns unzuverlässigen Menschen, die aus Überforderung, Unkonzentriertheit oder dank Alkohol vieles schnell vergessen. Da aber schnelllebige Medien wie Twitter nicht wirklich als Archiv oder Gedächtnisstütze dienen, hier ein paar kleine Erinnerungstrigger zur digitalen Musealisierung des Bloggerspace #tn15:

#bloggerspace #tn15 @nachtkritik.de Foto: nachtkritik.de
#bloggerspace #tn15 @nachtkritik.de Foto: nachtkritik.de
Kritische Berichterstattung beim #bloggerspace #tn15? Foto: Anne Aschenbrenner
Kritische Berichterstattung beim #bloggerspace #tn15? Foto: Anne Aschenbrenner
#blog @ #tn15... Foto: Holger Rudolph
#blog @ #tn15… Foto: Holger Rudolph
Abschlussredaktionssitzung #tn15 Foto: Sascha Krieger
Abschlussredaktionssitzung #tn15 Foto: Sascha Krieger

§ Zwar habe ich auf der Konferenz im Workshop zu Urheberrecht gelernt, dass so ziemlich alle Inhalte dieses Posts eine einzige Rechtsverletzung sind, aber in meinem Disclaimer weise ich ja ausdrücklich darauf hin, dass auf Wunsch alle Bilder sofort entfernt werden… § = ?

Die zahlreichen Fotos, die unter #tn15 zu finden sind, dokumentieren die Konferenz ganz gut : Es gibt Bilder von praktisch allen Workshops, Panels und so ziemlich allen Rednern und darüber hinaus unzählige kleine subjektive Eindrücke und kuriose Details. Ansonsten stehe ich persönlich dem Verhältnis von Twitter und Theater nach wie vor eher kritisch bis ablehnend gegenüber: Zu viel zu kryptisch, zu wenig Informationsgehalt oder Substanz. Zitate funktionieren meiner Ansicht nach noch am Besten, aber auch hier hatte ich manchmal Zweifel. Hier einer der sinnvolleren Tweets:

Und wie muss das für die Redner sein? Die sitzen oben auf dem Podium, alle Blicke sind auf sie gerichtet und eine Kamera, die alles Gesagte und jede Geste sofort als Livestream und später als Aufzeichnung festhält.

Darüber hinaus die ganzen Smartphones, die gerade bei dieser Konferenz wahrscheinlich sogar zahlreicher vertreten waren als reale Teilnehmer, da anscheinend einige inzwischen auch gerne mehrere Exemplare rumschleppen und bedienen, je nachdem, wieviele Jobs, Positionen oder Rollen die jeweilige Person so zu erfüllen hat. Und alles twittern, was gerade gesagt wurde, inklusive Versprecher oder unglücklicher Ausdrücke. Wenn ich mir vorstelle, dass alles, was ich so von mir gebe, in Echtzeit in die Welt getwittert werden würde… nun, vielleicht würde ich dann lernen, auch mal die Klappe zu halten. Oder vorm Reden nachdenken. Vielleicht ist die digitale Öffentlichkeit doch zu was gut?

Aber auch wenn ich nicht der große Twitter-Fan bin muss ich zugeben, dass manche selbstironischen Tweets auch witzig sein können, wenn zum Beispiel mit der eitlen Selbstbespiegelung und der kindlichen Freude über ein bisschen Aufmerksamkeit beim Twittern gespielt wird:

Und Theater + Netz? Für die meisten Theater stellt das Netz offensichtlich nach wie vor in erster Linie ein Marketing-Instrument dar – von manchen sinnvoller, von manchen weniger sinnvoll genutzt. Gute Beispiel finden sich hier: Praxis des digitalen Theatermarketings von Holger Kurtz. Was bisher praktisch völlig fehlt ist eine inhaltliche Auseinandersetzung oder Einbindung. Das fehlte mir auch auf der Konferenz, die zwar zu Theater + Netz sein soll, aber definitiv vor allem aus Sicht und Akteuren der Theaterwelt bestückt war. Was völlig fehlte waren Netz-Aktivist*Innen oder Phänomene aus der digitalen Welt. Ein Beispiel, das mir dazu sofort einfällt: Anonymous, ein Form von kollektivem Hacktivismus und ästhetisch durch die Verwendung der typischen Guy-Fawkes-Masken mit hohem Wiedererkennungs- und Pop-Wert. Oder das Phänomen rund um Pussy Riot. Eigentlich verwunderlich, dass Theater, die sich doch sonst sehr gerne an rebellischen oder widerständigen Ästhetiken und Attitüden orientieren, nicht mehr für Netzaktivismus interessieren.

R U Anonymous? Performance im Ballhaus Ost. Foto: Adrian Anton
R U Anonymous? Performance im Ballhaus Ost. Foto: Adrian Anton

Zumindest habe ich bei Theater + Netz dazu gelernt… jetzt weiß ich wenigstens, was #wtf und #tldr so bedeuten soll…

Das Schlusswort überlasse ich einer sehr fleißigen Twitterin:

De(a)r Leser

Der Leser

Am Ende sind alle.Statisiken nichts wert : Bloggerinnen wollen gelesen werden. Schlimmer noch als jede Schreibblockade ist die tiefste Ur-Angst von BlogerInnen nicht wahrgenommen zu werden, – auch wenn sich das – genauso wie die Schreibblockaden – niemand eingesteht. Und dann ist es vielleicht besser ein Bot kommt auf die Seit als gar niemand. Oder?
Umgehen kann man damit verschiedenartig, die diesjährige Liveblog-Truppe hat den Sascha-Krieger-Style angenommen – Hashtag #spaßanderfreude – und nimmt die Sache mit Humor.

Der erste Liveblog-Tag lief erwartungsgemäß mit wenig Resonanz: Kein Kommentar. Nicht mal eine Abmahnung haben wir kassiert, was für eine Blamage. Dabei haben wir nicht mal ein Impressum!
Am zweiten Tag ist er aber aufgetaucht: der Leser. Eine retrospezielle Art noch dazu: ohne Twitter, ohne Fb Account. Internetzugang hat er aber schon. (Sonst wäre er ja nicht unser Leser )
Hier also ist er:

Fotot: a.a.
Fotot: a.a.

Männlich, Mitte 30 (?), smart, seriös. Hätten wir unser Zielpublikum aussuchen können: er wäre es gewesen.
Dass er eigentlich gekommen ist weil er auf der Tweetwall gelesen hat, dass wir cookies haben, gibt der Geschichte noch einen marketingtechnisch äußerst interessanten Touch.
Herzliche  Dank also.
Möchtest auch du unser Leser oder unsere Leserin werden? Wir freuen uns. Auch über Kommentare.

(a.a.)

Berlins digitale Theatervision, eine Nachbetrachtung zum gestrigen Impuls von Tim Renner

Am zweiten Tag der Konferenz geht es nun bereits seit 11:00 Uhr um Politik und Ästhetik, ein sicher sehr wichtiges Thema für das Theater. Hier sei aber noch einmal an den gestrigen Vortrag von Kulturstaatssekretär Tim Renner erinnert, der über Berlins digitale Theatervision sprach und sich anschließend noch einer Gesprächsrunde mit Christian Holzhauser (Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft), Franziska Werner (Leiterin der Berliner Sophiensaele) und Wolfgang Behrens (nachtkritik.de) stellte. Auch das hatte sicher Potential für ein kleines Politikum.

Tim Renner, ein Visonär oder nur der Name auf einer Besetzungsliste? Foto: St. Bock
Tim Renner, ein Visonär oder doch nur der Name auf einer Besetzungsliste? – Foto: St. Bock

Erstmal ist zu konstatieren, dass sich die „Visionen“ Renners nicht nur um den schon oft diskutierten Livestream drehen. Zwischen „Geht nicht, gibt’s nicht“ und „Alles streamen ist Quatsch“ könne das Theater doch ganz entspannt auf das Phänomen der Digitalisierung schauen, sagte der sichtlich entspannte Kulturstaatssekretär. Aber was das TV (hier im Besonderen der arte-Theaterkanal) nicht geschafft habe (wie er selbst einwirft), wird wohl auch das Streamen von Theateraufführungen nicht leisten können. Der spätere Kommentar aus dem Publikum, dass der Livestream doch jetzt schon out wäre, spricht da Bände. Renner ist dann auch schnell weiter im Text und beim Marketing für die Theater, sprich einheitlichen Online-Ticketsystemen, der Bedeutung für die kulturelle Bildung in den Schulen und der unbeschränkten Teilhabe für alle, die nicht ins Theater gehen könnten. Sogar das Außenministerium zeige Interesse an Kunst und Internet, zum Beispiel mit Livestreams aus Istanbul.

Tim Renner gab sich zunächst ganz als geübter Medienrhetoriker und den Spielball für die digitalen Visionen auch gleich wieder an die Theater zurück. Auch hier also weiterhin Entspannung beim Staatssekretär. Sein Impuls ist: Zum Sammeln der Ideen und Vorschläge hat die Senatskulturverwaltung einen sogenannten Call for Ideas eingerichtet, eine Plattform die erstmal nur einen Namen hat, aber noch kein Geld für die Umsetzung des von den Theatern und anderen Berliner Kulturinstitutionen zu leistenden Inputs. Die Auswertung beginnt laut Renner nach dem 5. Juli. Den Rest des Vortrags erspare ich mir hier mal. Zur künstlerischen Ausrichtung der neuen Volksbühne unter Chris Dercon und deren geplanten digitalen Ausdrucksformen war außer dem Hinweis auf das Terminal plus, einer Studiobühne als digitalem Raum, nicht viel mehr zu erfahren.

Diskussionsrunde mit Christian Römer (Heinrich-Böll-Stiftung), Christian Holzhauser (Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft), Franziska Werner (Leiterin der Berliner Sophiensaele) und Wolfgang Behrens (nachtkritik.de) - Fot: St. Bock
Diskussionsrunde mit Moderator Christian Römer (Heinrich-Böll-Stiftung), Tim Renner (Berliner Kulturstaatssekretär), Franziska Werner (Leiterin der Berliner Sophiensaele), Christian Holzhauser (Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft) und Wolfgang Behrens (nachtkritik.de) – v.l.n.r. – Foto: St. Bock

Die Verblüffung unter den Panel-Teilnehmer auf dem Podium, ob der neuen Vision, die Berliner Theater digital nach vorn zu bringen, hielt sich dann auch eher in Grenzen. Zunächst natürlich Freude über den neuen, noch virtuellen Projekttopf bei der Leiterin der Sophiensaele. Irgendwas wird man damit schon anfangen können, denn Förderinstrumente erzeugen immer auch Nachfrage, und mit der Truppe Turbo Pascal ist man da ja schon bestens am Start. Es gab aber auch Bedenken von Seiten Wolfgang Behrens. Einen unbedingten Bedarf zur Förderung sieht er nicht, da hier vorrangig auch die Marketingabteilungen der Theater selbst zuständig wären. Und was letztendlich zur Initialzündung bei den Schulklassen führe, sei immer noch die physische Präsenz im Theater.

Es wurde dann noch viel in Anglizismen wie Performance Spaces, Live Journey, Open und Close Shops gesprochen, oder über die Monopolmacht von Twitter, YouTube und Facebook sinniert. Dass digitales Theater aber mehr als nur eine Frau mit einem Laptop im leeren Raum (sozusagen die 2.0-Version von Peter Brooks Theatervision) ist, dürfte jedem klar sein. Auf das salbungsvolle Schlusswort Renners, dass die Förderung von Kultur eine entscheidende Investition in die Zukunft ist, wird man den Staatssekretär aber wohl in Zukunft auch festnageln. Was zunächst bleibt, ist der Spruch von den dicksten Eiern am Theater, was ein auflockernder Tiefschlag in Richtung der alten Patriarchen sein sollte, und zum echten „Renner“ unter den Twitterern des Kongresses wurde.

Stefan Bock

Politik-Live-Ticker Teil 2 – heute Ungarn

Esther Slevogt (nachtkritik.de) spricht mit Arpád Schilling vom Theater Krétakör über politisches Theatermacher im heutigen Ungarn

Underwear theatre (Image: Sascha Krieger)
Underwear theatre (Image: Sascha Krieger)

„We had no choice but to fight.“ Arpád Schilling erzählt, wie ein Theater- und Kulturbegriff, der die Gesellschaft einbeziehen will, automatisch zu einer Konfrontation mit dem Orbán-Regime führt.

Wenn sich die Rolle von Theatermachern und Zuschauern vermischen, ist es noch Theater? Wenn nicht, was dann? Und wer entscheidet es? Schilling spricht über Theaterdefintion als Waffe der Unterdrückung nicht erwünschter Kunst.

„For many artists, this was paradise.“ Schilling über Künstlerreaktionen auf die Orbán-Regierung.

Es geht der Orbán-Regierung um Ausgrenzung – soziale, politische und kulturelle – sagt Schilling.

Internationale Koproduktionen gelten schon als feindliche Aktivität, sagt Slevogt. Und führen zu Steuerbelastungen als Repressionsinstrument.

„The Hungarian society was not ready for the new political system.“ Schilling über das Schweigen der Intellektuellen: „I have to say there is not a big movement.“

Schilling beschreibt ein System, das alle Mittel (Subventionskürzung, Steuerrecht, restriktive Genehmigungspolitik bei Schulprojekten) nutzt, um missliebige Stimmen verstummen zu lassen.

Schilling sieht Parallelen zum kommunistischen Ungarn: Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum führt zu einer Auffächerung der Informationsvergabe – was in vier Wänden gesagt wird, ist völlig unterschieden vom öffentlichen Diskurs.

„If you don’t like me, why do you ask money from me?“ Schilling über die Einstellung der Regierung zum Subventionssystem. L’état, chest moi 2015.

Jens Hillje, Co-Intendant des Maxim Gorki Theaters, fragt: „Should we go to Hungary or not?“ (bezogen auf das internationale Festival des Nationaltheaters). Arpád Schilling sagt nein. „He just wants to use the name (…) but it’s not true co-operation.“ Schilling über Nationaltheater-Intendant Attila Vidnyánszky.

Die Rede des Burgtheater-Ensembles nach dem Gastspiel (in dem sie die ungarische Kulturpolitik kritisierten) hält Schilling für das „Worst Case Scenario“ (in deutsch und englisch und ohne jede ungarische Beteiligung), für einen Ausdruck schlechten Gewissens. Andreas Erdmann vom Burgtheater verteidigt die Rede als spontanen Ersatz für das abgesagte Publikumsgespräch: „The actors were poor guys (…) They tried to do something and it went wrong.“ Schilling antwortet: „If someone wants to make action, it would be good to ask the people here“, und erzählt, wie Vidnyánszky daraus eine Verschwörung ungarischer oppositioneller machte.