Sex mit Delphinen – ein Erfahrungsbericht von der Überforderungsfront

Eines vorneweg: Worum es bei Nishant Shahs Eröffnungsvortrag mit dem schönen Titel „Beyond the Spectacle Imperative: Performing Change in the age of the digital“ ging, weiß ich nicht. Hängen geblieben ist die Großmutter, die nicht gemachte Fotos ihres Lebens nachstellt, die Porno-Comic-Heldin, die zur Ikone von Meinungsfreiheitsaktivisten geworden ist und Sex mit Delphinen. Das liegt in der Natur der Sache. Wir sind hier bei einer Konferenz namens „Theater und Netz“. Nun mag das Theater ja ein halbwegs überschaubares Medium sein (vollkommen ungerechtfertigte Vereinfachung), das Internet ist es sicher nicht. Und so ist man als Blogger, der auf seine Social Media Credibility (das sagt man heute so) achten muss, bei solchen Veranstaltung unter Druck, zu twittern, weiterzuleiten, zu teilen und was man sonst noch so tut. Da bleibt dann fürs Zuhören wenig Zeit, fürs Verstehen noch weniger. Viel wichtiger ist es da, die meistgeteilten, schnellsten, originellsten oder zumindest witzigsten Tweets abzuschicken, eine Art Coolness Contest 2.0 unter uns Kulturnerds, einer neuartigen Spezies, bei der noch keiner so recht weiß, ob sie denn schätzenswert sei. Multitasking ist das Gebot – und doch nur eine Übung im Scheitern. Denn natürlich geht das gründlich schief, bleiben am Ende nur Soundbites (selbst zum Fotos schießen bleibt keine Zeit, für einen vernünftig reflektierten Blog-Post, der dieser hier nicht sein kann, erst recht nicht).

Im Überforderungsraum (Foto: Adrian Anton)
Im Überforderungsraum (Foto: Adrian Anton)

Da fragt sich der geübte Webnomade bald, ob das Internet nicht in erster Linie ein Raum ist, in dem man sich leicht überfordern lassen kann und darüber noch schneller vergisst, dass Wahrnehmung und Verständnis sich mehr und mehr fragmentarisieren. Am Ende bleiben Soundbites, 140-Zeichen-Gedankenansatzversuche, die weder Raum noch Zeit lassen, sich die angedeuteten Fragen überhaupt zu stellen. Und die am Ende nicht nur nicht erlauben, zu begreifen, worin der Dozent die dunkle Seite des Internets begreift, sondern das Hinterfragen dieser Überforderung unmöglich machen. Und so wird und muss natürlich auch dieses Live-Blog-Scheitern, so es mehr will als von stallenden Delfinen zu faseln. Zumal auch dieser Text entsteht, während der Autor versucht, einem Workshop zu lauschen. Vielleicht ist die Paarung von Theater und Netz nur als nichtklinische Variante schizophrener Ich-Aufspaltungen zu verstehen. Womit wir beim Thema „Identität und Internet“ wären. Doch das ist ein ganz anderer Tweet.

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