Theaterblogs backstage: „Die Party ist bei uns“

Der Blogger Space wandert in diesem Jahr von Saal 1 ins Hinterzimmerchen der Heinrich Böll-Stiftung. Schade, wenn man den Blog wie ein Teilnehmer der Konferenz Theater und Netz als eine „Homemade-Öffentlichkeit“ versteht, in die der Leser gemeinhin keinen Einblick hat.
Reger besucht als dieser Blogger Space – dabei soll sich dort ein geheimes Cookie-Lager befinden! – ist der Workshop „Theaterblogs backstage: Kritische Öffentlichkeit oder Reflexion selbst gemacht?“ Es sprechen: Bianca Praetorius, Theatertreffenblogbeauftragte (der Einfachheit halber TT-Blog) und erste Ansprechpartnerin, wenn es um Internet und Theater geht (bald schon so, wie Alice Schwarzer für Feminismus). Des weiteren Jochen Strauch, zuständig für Kommunikation am Hamburger Thalia Theater, mit strukturierterer Powerpoint-Präsentation als Bianca, bei fast gleich hohem Sprechtempo. Außerdem unter den Zuschauern: Theaterinterne der Oper Stuttgart, dem Theater Koblenz und Karlsruhe, das, genau wie das DT Berlin, einen hausinternen Blog plant.
Zunächst skizziert Bianca das Konzept des TT-Blogs, dessen Leitung sie vergangenes Jahr von Nikola Richter übernahm. Ihre Änderungen waren vor allem visueller Natur: keine Textwand mehr, sondern multimedial blinkende Felder. Bianca begründet dies mit der gewagten These „Im Internet liest man nicht mehr, sondern scrollt sich nur so durch, aus Gier und der Angst, etwas zu verpassen.“ Raunendes Publikum. Abgesehen davon, wurde aus dem Blog ein „Orchester“, heterogen und interdisziplinär, eine Art Ausbildungsformat für angehende Kulturjournalisten. Mit Erfolg: 2015 erreichten sie doppelt so viele Bewerbungen wie letztes Jahr.
Den TT-Blog sieht Bianca als produktive Überforderung für alle Daheimgebliebenen. Wer sind diese Daheimgebliebenen, sprich die Leser? Der Zahnarzt aus Wilmersdorf gehöre wohl eher nicht dazu (Merke: Der Wilmersdorfer Zahnarzt muss als Platzhalter für den traditionsverhafteten, analogen TT-Zuschauer herhalten, als einer, der mit einem # nichts anzufangen weiß. Somit liegt dieser Wilmersdorfer Zahnarzt im Theaterzuschauerranking etwa auf gleicher Höhe wie der später von Tim Renner zitierte Detmolder).
Für die Zukunft wünscht sich Bianca mehr Twitter im Theater und weitere experimentelle Formate, wie der neueste TT-Streich, ein für den 12. Mai angesetztes Whatsapp-Kritik-Quartett. Für Überraschung sorgt ihr für einen digital native überraschendes Abschlussstatement: „Wenn es auf der Bühne spannend wird, kommt kein Schwein auf die Idee, sein Smartphone rauszuholen.“
Bevor es spannend weitergeht mit Jochen Strauchs angenehm selbstironischem Vortrag also schnell das Smartphone rausgeholt. Strauch zufolge kann die 2009 initiierte Thalia Community als grandios gescheitert gelten, ihr einziges Überbleibsel ist der Username beim Kartenkauf im Netz. Ziel dieser Community sei es gewesen, Publikumsschichten aufzubrechen, damit diese „nicht mehr nonstop blond und grau vor sich hinsitzen.“ (Frage: Ist ein grauhaariger Wilmersdorfer Zahnarzt schlimmer als ein blonder?) Heute beschäftige sein Haus Premierenblogger, bespiele die Social Media Week und pflege in den sozialen Netzwerken den Publikumsdialog – „Thank you for sharing.“ Den Theaterinternen helfen die Blogger aus der sich selbst fütternden Feedbackschleife heraus.
Stichwort Feedbackschleife: Die anschließende Diskussion beginnt mit dem viel zitierten (und beklagten) Spagat eines Theaterblogs zwischen seiner Institution und seinem unabhängigem Anspruch. Also: Traut sich der Theaterblogger, die Hand zu beißen, die ihn füttert? Bianca betont, dass ihre sechs Blogger mit ihren heterogenen Hintergründen (sie würde sagen: background) kritisch sein sollen, ja richtiggehend dazu angehalten werden, nach dem Motto: „Seid bloß nicht zu nett!“ Auch sei der TT-Blog keinesfalls zu verwechseln mit dem offiziellen Blog der Berliner Festspiele – „Die Party ist bei uns.“ Auch Jochen besteht auf der Unabhängigkeit des Premierenblogs bei den Lessingtagen. Was er seltsam findet ist, wenn Leute den in den sozialen Netzwerken angestimmten Ton seines Hauses beklagen: „Warum ist das Thalia Theater bei Facebook und Twitter so flapsig und nicht, wie es eigentlich ist?“ Finde ich auch seltsam, wer fragt denn so was?
Klar ist, das Internet ist ein Minenfeld, mit den Shit Storms als digitale Projektile. Noch so ein auch ohne Kontext funktionierendes Bianca-Bonmot: „Wer ein Smartphone besitzt, sitzt eh schon im Problemboot.“ Es ist dann noch die Rede von einer analogen Gegenbewegung zu dem ganzen Internet im Theater, back to basic sozusagen. Oder ist das kein theaterinterner Trend, sondern ein breiter gesellschaftlicher?
Für alle Daheimgebliebenen hätten wir, abgesehen vom Blogger, noch drei Theaterberufe mit Zukunft: Digitaldramaturg oder Hateblogger – hoppla, in Karlsruhe gibt’s letzteres schon – oder Embedded Blogger, also ein den Probenprozess begleitender Schreiber. Hier muss ich den teilnehmenden Beobachterposten verlassen und aus eigener Erfahrung widersprechen: diese Art Journalismus wird zumindest von den Beteiligten, also dem Ensemble und Team, nicht sehr geschätzt. Das weiß ich, weil ich letztes Jahr Mäuschen gespielt habe bei den Proben zu Fritschs „Schule der Frauen“ am Hamburger Schauspielhaus – ein mit allen Beteiligten abgesprochenes Projekt, das nach Veröffentlichung für allerlei Chaos sorgte. Der Probenraum soll ein geschützter sein, daran wird sich so schnell wohl nichts ändern.
Klar, dass das Patentrezept für die heikle Backmischung Theater – Blog – Internet auch um 15.59 Uhr nicht gefunden ist. Ein schönes Abschlusswort gibt’s trotzdem: „Wie das Leben, so das Netz.“ Eh klar. Wir Blogger wissen, die Öffentlichkeit ist eine hausgemachte.
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2 Gedanken zu “Theaterblogs backstage: „Die Party ist bei uns“

  1. Hateblogger in Karlsruhe? Werwiewowannwas?
    Alternativantwort meines „aka“: Warum bloggt ihr eigentlich alle hier? Wartet doch einfach auf den Upload der Live-Mitschnitte & verlinkt darauf. Fertigausbrezelschmaus.

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  2. Lieber Tim, tatsächlich war die in der anschließenden Diskussion die Rede davon, das Theater Karlsruhe leiste sich den Luxus eines „Hatebloggers“, also jemandem, der mindestens grundehrlich, vielleicht sogar mit Tendenz zum Krawall das Bühnengeschehen beobachtet. Viel mehr weiß ich auch nicht, der dortige Social-Media-Beauftragte hilft sicher gerne weiter. Und zum Bloggen: wenn nur noch die Dinge mit Zweck gemacht werden, ist das Leben ein trostloses. Verlinken ist schön, schreiben auch.

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