Überforderungskurs oder Kuschelkonferenz?

Berlin 2015

Erster Konferenztag – Fazit von Anne Aschenbrenner

Hilfe, ich habe glutenfrei gegessen. Von Tellern aus Palmblatt! Austausch war in den Workshops, in denen ich war, nicht wirklich, mehr eine Mischung aus Selbsterfahrung und substantivierter Erklärungsnot. Erstaunlich viele TeilnehmerInnen sind zum ersten Mal da – viele auch zum zweiten Mal – wie viele werden es zum letzten Mal sein?

Als Wienerin bin ich genetisch veranlagt alles schlecht zu finden, dabei ist alles gar nicht so wahr: ich hab noch nie so gut glutenfrei gegessen, selten Selbsterfahrung so pointiert gehört wie bei Ingo Sawilla vom Resi, noch nie bei einem Vortrag (Delfine und Internet), den ich nicht richtig verstanden hab, so amüsiert.

Was kann Theater & Netz jetzt noch –  außer die rhetorische und onomatopoetische Verknüpfung von Essen und Trinken á la Kaffee und Kekse und Bier und Brezeln?

Bleiben wir mal beim Negativen: Der interaktive Part vom letzten Jahr hatte die Konferenz nicht nur um eine Ebene erweitert, sondern vielmehr auch zwei Ebenen miteinander verbunden, das Digitale und das Analoge. Das war faszinierend zu beobachten und spannend mitzutun. So ein Part fehlt heuer ganz: Eine Twitterwall war heute zwar zeitweise eingeblendet, was in vielen Diskussionen über Digitales (hier wie auch woanders) aber fehlt, ist Tweets auch einzubinden. Darauf zu reagieren. Auch analog. So spricht man im Podium zwar über Livestreaming, auf Twitter entstehen parallel dazu Diskussionen, die auch (wertvolle) Beiträge und Anregungen von außen enthalten, also außerhalb des analogen Erfahrungsraumes. Und dann gehen wir drauf nicht ein. Ist es nicht das, wonach wir suchen? Nach einer Verknüpfung aus Digitalem und Analogen? Nach einer Erweiterung von Erlebnisräumen? Warum macht man Livestream, wenn man dann die Leute außerhalb dann die Tragödie mit ansehen lassen, aber nicht interagieren können? Muss Livestream da enden wo man dann das Mikro abdreht?

Wirklich gut aber war die Session „Social Media Marketing: Mit dem Residenztheater München und dem Theater Koblenz konnten nicht nur selbstredende Vortragende gewonnen werden, sondern auch charismatische, vor Begeisterung sprühende. Es hätten aber auch nicht Gegensätzlichere sein können: Während Ingo Sawilla die Social Media Kanäle aus dem Bauch heraus bespielt und Redaktionspläne ablehnt („Ich hab einen Spielplan, was brauch ich dazu noch einen Redaktionsplan“) – der Anti-Streber hat auch keine Powerpoint  vorbereitet – findet Markus Dietze – mit PowerPoint! – vom Theater Koblenz ganz andere Worte: Nicht alles was im Theater abgeht ist für die Öffentlichkeit bestimmt, nicht alles darf einfach so raus, nicht jeder darf einfach so vor sich hin posten: pro Redaktionsplan, pro Struktur, auf allen Linien. Die Begeisterung für Social Media und die Bereitschaft Neues zu probieren ist nicht minder spürbar.

Anlässlich der Session  „Theaterblogs Backstage: kritische Reflexion oder Öffentlichkeit selbst gemacht?“ entstand im digitalen Niemandsland der Eindruck: BloggerInnen sind immer zu nett. Die Grundeinstellung ist immer wieder eine positive. Das war auch Thema des Bloggerspace: Dienen Blogs dazu freie Szene sichtbar zu machen oder sind Blogs Raum für auch kritische Auseinandersetzung. Anders gefragt: will das glattgebügelte Zeug eigentlich noch jemand lesen?

Hateblogs als Allzweckswaffe im kulturpolitischen Diskurs? Das probieren wir jetzt aus.

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2 Gedanken zu “Überforderungskurs oder Kuschelkonferenz?

  1. Verbindung von analog + digital klingt gut, aber immer wenn ich auf die Twitterwal geschaut habe dachte ich nur: dieses kryptische Zeug hat keinerlei Informationsgehalt + auch nur wenig Unterhaltungswert. Und wenn, dann ausschließlich für die, die selbst hier sind und selbst zu #tn15 twittern. Wie soll oder kann sowas vom Digitalen ins Analoge übertragen werden?

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  2. Zum Thema „BlogerInnen sind zu nett“: ich persönlich empfehle ja lieber Sachen, die mir gefallen haben. Falls eine Aufführung mich eher unberührt läßt, dann erwähne ich sie nicht unbedingt.
    Ich gebe zu, daß dies nicht unbedingt zu konstruktiver Kritik führt, aber zum Niedermachen ist mir meine Zeit zu schade.

    Wenn man sich im Netz umschaut, insbesondere wenn es um Bewertung von/Erfahrung mit Konsumartikeln geht, dann findet man dort viele negative Dinge. Diejenigen, die zufrieden sind, äußern sich eher nicht.
    Wenn man manche Bewertungen genauer liest, dann stellt man jedoch häufig fest, daß eine schlechte Bewertung dadurch entstand, daß der Käufer nicht mit einem Gerät zurecht kommt. Das muß nicht am Gerät liegen, sondern kann durchaus der Unwissenheit des Käufers zugerechnet werden.

    Den Rückschluß kann man sicherlich auch für’s Theater verwenden. Wenn die Aufführung nicht gefallen hat, hat man sie vielleicht einfach nicht kapiert? Aber wer gibt das schon gerne zu. 😉

    Blogge nicht, schreibe nur bei Twitter, kritischer Diskurs in 140 Zeichen ist nicht unbedingt einfach. Aber ein „4.48 Psychose im Schauspiel Dortmund – unbedingt ansehen!“ geht immer.

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