Nachlese Konferenz Theater + Netz #tn15… aus Twitter-Sicht

Theater + Netz 2015 ist also schon wieder vorbei. Aber das Netz vergisst ja zum Glück nichts, im Gegensatz zu uns unzuverlässigen Menschen, die aus Überforderung, Unkonzentriertheit oder dank Alkohol vieles schnell vergessen. Da aber schnelllebige Medien wie Twitter nicht wirklich als Archiv oder Gedächtnisstütze dienen, hier ein paar kleine Erinnerungstrigger zur digitalen Musealisierung des Bloggerspace #tn15:

#bloggerspace #tn15 @nachtkritik.de Foto: nachtkritik.de
#bloggerspace #tn15 @nachtkritik.de Foto: nachtkritik.de
Kritische Berichterstattung beim #bloggerspace #tn15? Foto: Anne Aschenbrenner
Kritische Berichterstattung beim #bloggerspace #tn15? Foto: Anne Aschenbrenner
#blog @ #tn15... Foto: Holger Rudolph
#blog @ #tn15… Foto: Holger Rudolph
Abschlussredaktionssitzung #tn15 Foto: Sascha Krieger
Abschlussredaktionssitzung #tn15 Foto: Sascha Krieger

§ Zwar habe ich auf der Konferenz im Workshop zu Urheberrecht gelernt, dass so ziemlich alle Inhalte dieses Posts eine einzige Rechtsverletzung sind, aber in meinem Disclaimer weise ich ja ausdrücklich darauf hin, dass auf Wunsch alle Bilder sofort entfernt werden… § = ?

Die zahlreichen Fotos, die unter #tn15 zu finden sind, dokumentieren die Konferenz ganz gut : Es gibt Bilder von praktisch allen Workshops, Panels und so ziemlich allen Rednern und darüber hinaus unzählige kleine subjektive Eindrücke und kuriose Details. Ansonsten stehe ich persönlich dem Verhältnis von Twitter und Theater nach wie vor eher kritisch bis ablehnend gegenüber: Zu viel zu kryptisch, zu wenig Informationsgehalt oder Substanz. Zitate funktionieren meiner Ansicht nach noch am Besten, aber auch hier hatte ich manchmal Zweifel. Hier einer der sinnvolleren Tweets:

Und wie muss das für die Redner sein? Die sitzen oben auf dem Podium, alle Blicke sind auf sie gerichtet und eine Kamera, die alles Gesagte und jede Geste sofort als Livestream und später als Aufzeichnung festhält.

Darüber hinaus die ganzen Smartphones, die gerade bei dieser Konferenz wahrscheinlich sogar zahlreicher vertreten waren als reale Teilnehmer, da anscheinend einige inzwischen auch gerne mehrere Exemplare rumschleppen und bedienen, je nachdem, wieviele Jobs, Positionen oder Rollen die jeweilige Person so zu erfüllen hat. Und alles twittern, was gerade gesagt wurde, inklusive Versprecher oder unglücklicher Ausdrücke. Wenn ich mir vorstelle, dass alles, was ich so von mir gebe, in Echtzeit in die Welt getwittert werden würde… nun, vielleicht würde ich dann lernen, auch mal die Klappe zu halten. Oder vorm Reden nachdenken. Vielleicht ist die digitale Öffentlichkeit doch zu was gut?

Aber auch wenn ich nicht der große Twitter-Fan bin muss ich zugeben, dass manche selbstironischen Tweets auch witzig sein können, wenn zum Beispiel mit der eitlen Selbstbespiegelung und der kindlichen Freude über ein bisschen Aufmerksamkeit beim Twittern gespielt wird:

Und Theater + Netz? Für die meisten Theater stellt das Netz offensichtlich nach wie vor in erster Linie ein Marketing-Instrument dar – von manchen sinnvoller, von manchen weniger sinnvoll genutzt. Gute Beispiel finden sich hier: Praxis des digitalen Theatermarketings von Holger Kurtz. Was bisher praktisch völlig fehlt ist eine inhaltliche Auseinandersetzung oder Einbindung. Das fehlte mir auch auf der Konferenz, die zwar zu Theater + Netz sein soll, aber definitiv vor allem aus Sicht und Akteuren der Theaterwelt bestückt war. Was völlig fehlte waren Netz-Aktivist*Innen oder Phänomene aus der digitalen Welt. Ein Beispiel, das mir dazu sofort einfällt: Anonymous, ein Form von kollektivem Hacktivismus und ästhetisch durch die Verwendung der typischen Guy-Fawkes-Masken mit hohem Wiedererkennungs- und Pop-Wert. Oder das Phänomen rund um Pussy Riot. Eigentlich verwunderlich, dass Theater, die sich doch sonst sehr gerne an rebellischen oder widerständigen Ästhetiken und Attitüden orientieren, nicht mehr für Netzaktivismus interessieren.

R U Anonymous? Performance im Ballhaus Ost. Foto: Adrian Anton
R U Anonymous? Performance im Ballhaus Ost. Foto: Adrian Anton

Zumindest habe ich bei Theater + Netz dazu gelernt… jetzt weiß ich wenigstens, was #wtf und #tldr so bedeuten soll…

Das Schlusswort überlasse ich einer sehr fleißigen Twitterin:

LiveBlog: Theater zwischen Pegida und Lampedusa

Amelie Deuflhard (Kampnagel) und Wilfried Schulz (Staatsschauspiel Dresden) im Gespräch mit Mekonnen Mesghena.

Kurz vorab als Warnung/Disclaimer/Entschuldigung: Dieser Beitrag entsteht live [wie es sich für ein LiveBlog gehört] während des Panels/Gesprächs bei Theater + Netz. Auf Grammatik, Syntax oder Sinnhaftigkeit kann somit nur bedingt geachtet werden… Vielleicht vermittelt sich aber dennoch ein Eindruck, vielleicht helfen die Notizen im Nachhinein als Gedächtnisstütze, vielleicht regen die Links und Verweise zum Recherchieren und Nachbereiten an…

Erstes unvermeidbares und hoch aktuelles Thema: Ermittlungsverfahren gegen Amelie Deuflhard wegen Vorwurf des Verstoßes gegen das Aufenthaltsrecht, da beim Projekt Eko-Favela von Baltic Raw fünf Lampedusa-Flüchtlinge Unterkunft bekommen haben.

Wer mehr darüber lesen will: Hier ein Artikel in DIE WELT

#MakeLoveNotFlüchtlingskontrolle oder bald #FreeAmelie @kampnagel
#MakeLoveNotFlüchtlingskontrolle oder bald #FreeAmelie @kampnagel

Ein Einblick in die Eko-Favela Lampedusa Nord:

Frage an Wilfried Schulz: Wie dynamisch verändert sich die Lage in Dresden?

„Bei uns ist natürlich erstmal weniger lustig als bei euch.“ Aufgabe von Stadttheater und auch Legitimation: Orte der Auseinandersetzung zu schaffen – „Auch wenn es für euch von rechts außen vielleicht nicht stimmt“.

„Viele Themen werden weniger kontrovers diskutiert, sie werden weggewischt.“

Stilisierung im Diskurs von Dresden als „Opferstadt“, nicht als „Täterstadt“ ist eine Grundlage für Pegida.

Kunst und Kultur muss, ob sie will oder nicht, in eine Lücke springen, die die Politik zeigt.

Pegida nimmt für sich in Anspruch zu behaupten „Wir sind das Volk“ – und niemand hat widersprochen.

Reaktion der Kulturschaffenden: Gründung von WOD Welt-Offenes-Dresden, da das Problem die Teile der Gesellschaft sind, die sich nicht positioniert.

Beispiel Inszenierung SCHÖNE NEUE WELT von Roger Vontobel, wo eine Aufforderung zu mehr Toleranz 800 Leute zum Aufstehen bewegt.

Deuflhard: Der öffentliche Raum, der uns gegeben ist, muss zur Positionierung genutzt werden.

Verweist auf verschiedene Künstlergruppen, z.B. Gintersdorfer/Klaßen

Anders als Dresden ist Hamburg eher konversativ aber liberal, aber auch hier 5% der Wählerschaft, die die AFD wählen.

Schulz: Dresden charakterisiert, dass es hier keine „Fremden“ zu sehen gibt – perverser Weise.

Die Sichtbarkeit in der Stadt Dresden ist nicht gegeben. Flüchtlinge werden in kleinen Dörfern 50km entfernt untergebracht. Die sozialen Folgen sind verheerend.

Fazit Schulz: Auf Augenhöhe Menschen einladen!

Amelie Deufelhardt und Wilfried Schulz zu Theater zwischen Pegida und Lampedusa. Foto: Adrian Anton
Amelie Deuflhard und Wilfried Schulz zu Theater zwischen Pegida und Lampedusa. Foto: Adrian Anton

Deuflhard:

Große Aufgabe ist es, den Begriff des Bürgertums zu erweitern.

Rechtsradikale Kommentare verunmöglichen.

Frage: Wälzt die Politik Verantwortung auf Kultur ab?

„Kunst ist frei“ als Grundlage dafür, den Bewohnern der Favela sagen zu können „Ihr seid hier fast so sicher wie in der Kirche“.

Verweis auf einstweilige Verfügung gegen Flüchtlingsheim in Hamburg Harvestehude. Wer mehr dazu lesen will, hier ein Artikel im Spiegel

Schulz: Politik hat ein großes Defizit, da es ihr schwer fällt, Haltung zu beziehen.

Die Politik spült sich weich nach Meinungsumfragen. Die Probleme haben wir nicht, wir können Haltung beziehen.

Politisch bewußt Kunst zu machen wird der Weg der nächsten Jahre sein.

Der Haken: Als Stellvertreter der Politik muss die Kunst das Verrückte und Irrationale aufgeben müssen, da sie sich mehr an den Idealen der rationalen Aufklärung orientieren wird.

Polarisierung notwendig, um Haltung zu beziehen, die sonst fehlt.

Wir sind im Kern keine Sozialarbeiter, wir sind Künstler oder Kunst-zur-Verfügung-Steller. (Anm.d.R.: Habe ich das richtig verstanden?)

Hoffnung, dass die Zivilgesellschaft erwacht und sich öffnet.

Man muss sich positionieren, man muss Bündnispartner dafür finden.

Noch sind die Theater an allen Fronten stark. Kämpft für diese Theater als Orte, denn es gibt nicht mehr viele Orte, die solche Gespräche ermöglichen.

Deuflhard: Vernetzt euch! Vernetzung ist unheimlich wichtig, gerade für Projekte mit Flüchtlingen, die zwischen Legalität und Illegalität stehen.

Beispiel DIE FLÜCHTLINGE von Elfriede Jelinek, Regie Nicolas Stemann, Diskussionen über Aufenthaltsstatus und Bezahlung

Anm.d.R.: An dieser Stelle war mein Akku alle + keine Steckdose in Sicht – sehr bezeichnend. #SchönerScheitern
Aber das Gespräch bewegte sich ohnehin dem Ende zu – wer noch Ergänzungen hinzufügen möchte: Gerne die Kommentar-Funktion nutzen!