Theaterblogs – ein Suchbild

Theaterblogs: Bei „Theater und Netz 2015“ waren sie überall: Sie hatten einen eigenen Raum, ein Live-Blog, einen Workshop ihnen, einen mit Publikum. Dazu noch Kaffee, Kekse und Drogen (Bier und Mohnkekse). Es gibt sie also, sie sehen auch gar nicht alle gleich aus, es gibt jüngere und solche kurz vor der Bloggerpension (Rente klingt so prosaisch), Journalisten und Laien, Theaterleute und solche, bei denen man es gar nicht wissen will. Selbst eine Österreicherin wurde gesichtet. Da konnte man twitternden Theatern und schreibenden Zuschauern, Blogkollektiven und vereinsamten Tasten-Egos begegnen, die, wenn sie nicht gerade nach dem albernsten Wortspiel suchten oder sich mit größter Sorgfalt um die Weinvorräte der Böll-Stiftung, sich darüber zu verständigen bemühten, was und warum sie hier eigentlich tun. So wahnsinnig weit kam man dabei nicht. Die Über-Theater-Schreiber verständigten sich immerhin darauf, dass es eine Mischung aus Liebe zum Theater und Schreibleidenschaft sei, die sie antrieb, während sich die interne Blogwelt im Spannungsfeld zwischen dem Öffnungsversuch von Theatern, die gleichzeitig die Oberhoheit über das im eigenen Namen Gebloggte behalten wollen (am Beispiel des Hamburger Thalia Theaters) und einem Festival (das Theatertreffen), das schon fast penibel die Unabhängigkeit seines jährlich wechselnden Bloggerteams betonte. Ein einheitliches Bild ergab sich in beiden Fällen nicht – vielmehr gewann der geneigte Besucher den Eindruck, hier sei noch etwas im Entstehen, das an seinem Selbstverständnis noch zu arbeiten hat.

Und vielleicht liegt genau hier, in der Nichtfassbarkeit dieser „Szene“ – auch durch sich selbst – ihr Wert, ihre Bedeutung. Denn was Hobbykritiker und Theatertreffen-Blog, bloggende Theater und Journalisten mit Nebentätigkeit eint, ist vor allem ihre Suchbewegung, das Stochern im Theater- und Sprachnebel nach Nischen, inhaltlichen wie stilistischen, nach Ausdrucksformen und theatralen Spielarten jenseits breiter Öffentlichkeit, nach einem inklusiven Diskurs, der überkommene Grenzen – hier das Theater, dort die Kritik, außen vor Leser und Zuschauer als passive Konsumenten – einreißt oder sie zumindest verschwimmen lässt, in dem das außen und Innen zunehmend undeutlich werden und jahrhundertealte Gewissheiten sich hinterfragen lassen müssen. Schön zu erleben, war das in diesem Blog: einer verwirrenden Vielfalt and Stimmen und Versuchen, die sich nicht zu einem einheitlichen Bild fügen wollten und das Experiment gerade deshalb für die Beteiligten – und den Leser? – so spannend machte. Kein Zufall, dass sich die Beiträge nicht nur immer wieder selbstreferentiell mit der eigenen Form befassten, sondern wiederholt das Scheitern, das im Ausprobieren immer mitzudenken ist, selbst thematisierten.

Vielleicht sind Theaterblogs eine schnell wieder verschwindende Marotte pseudopartizipativer und krampfhaft modern erscheinen wollender Theatermacher und selbstverliebter Narzissten mit Mitteilungskomplex. Oder sie demokratisieren einen Bereich – das Schreiben und Sprechen über diese seltsam aus der Zeit gefallene Kunstform Theater – der bei allen anderslautenden Beteuerungen  die hierarchische exklusive Einbahnstraßenkommunikation nie ganz aufgegeben hat und führen letztlich zu einer Öffnung des Diskursraumes, die in ihrer wirklichen Einbeziehung der stummen Rezipientenmasse Theater, Kritik und Publikum nachhaltig verändern wird. Vermutlich liegt die Wahrheit wie zumeist irgendwo anders – zwischen den Polen, die womöglich gar keine Spinn, oder in einer Dimension, die wir noch gar nicht zu denken in der Lage sind. Nein, wichtig ist das, was wir machen, vermutlich nicht. Und wenn doch, dann täten wir gut daran es nicht zu merken. denn es könnte unsere Fähigkeit beeinträchtigen, immer besser und schöner zu scheitern. Und was ist denn dieses komische Ding, über das wir schreiben, anderes?

Politik-Live-Ticker Teil 2 – heute Ungarn

Esther Slevogt (nachtkritik.de) spricht mit Arpád Schilling vom Theater Krétakör über politisches Theatermacher im heutigen Ungarn

Underwear theatre (Image: Sascha Krieger)
Underwear theatre (Image: Sascha Krieger)

„We had no choice but to fight.“ Arpád Schilling erzählt, wie ein Theater- und Kulturbegriff, der die Gesellschaft einbeziehen will, automatisch zu einer Konfrontation mit dem Orbán-Regime führt.

Wenn sich die Rolle von Theatermachern und Zuschauern vermischen, ist es noch Theater? Wenn nicht, was dann? Und wer entscheidet es? Schilling spricht über Theaterdefintion als Waffe der Unterdrückung nicht erwünschter Kunst.

„For many artists, this was paradise.“ Schilling über Künstlerreaktionen auf die Orbán-Regierung.

Es geht der Orbán-Regierung um Ausgrenzung – soziale, politische und kulturelle – sagt Schilling.

Internationale Koproduktionen gelten schon als feindliche Aktivität, sagt Slevogt. Und führen zu Steuerbelastungen als Repressionsinstrument.

„The Hungarian society was not ready for the new political system.“ Schilling über das Schweigen der Intellektuellen: „I have to say there is not a big movement.“

Schilling beschreibt ein System, das alle Mittel (Subventionskürzung, Steuerrecht, restriktive Genehmigungspolitik bei Schulprojekten) nutzt, um missliebige Stimmen verstummen zu lassen.

Schilling sieht Parallelen zum kommunistischen Ungarn: Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum führt zu einer Auffächerung der Informationsvergabe – was in vier Wänden gesagt wird, ist völlig unterschieden vom öffentlichen Diskurs.

„If you don’t like me, why do you ask money from me?“ Schilling über die Einstellung der Regierung zum Subventionssystem. L’état, chest moi 2015.

Jens Hillje, Co-Intendant des Maxim Gorki Theaters, fragt: „Should we go to Hungary or not?“ (bezogen auf das internationale Festival des Nationaltheaters). Arpád Schilling sagt nein. „He just wants to use the name (…) but it’s not true co-operation.“ Schilling über Nationaltheater-Intendant Attila Vidnyánszky.

Die Rede des Burgtheater-Ensembles nach dem Gastspiel (in dem sie die ungarische Kulturpolitik kritisierten) hält Schilling für das „Worst Case Scenario“ (in deutsch und englisch und ohne jede ungarische Beteiligung), für einen Ausdruck schlechten Gewissens. Andreas Erdmann vom Burgtheater verteidigt die Rede als spontanen Ersatz für das abgesagte Publikumsgespräch: „The actors were poor guys (…) They tried to do something and it went wrong.“ Schilling antwortet: „If someone wants to make action, it would be good to ask the people here“, und erzählt, wie Vidnyánszky daraus eine Verschwörung ungarischer oppositioneller machte.

„Plattform oder Player: Wie kann Theater politisch sein?“ – Versuch eines Live-Tickers

Dirk Pilz (nachtkritik.de) spricht mit Matthias Lilienthal, Intendant Münchner Kammerspiele 

Politik als „Verpflichtungsbegriff, der kaum noch Differenzierungsmöglichkeiten bietet“ (Dirk Pilz)

„Das ist die erste Podiumsdiskussion, bei der ich als Rentner bezeichnet werde.“ (Matthias Lilienthal)

„Theater braucht immer auch Identitätsbehauptungen.“ (Lilienthal)

„Ich sehe mich viel eher als eine Plattform.“ (Lilienthal) – Das Theater als Player findet er eher langweilig.

„Ich glaube nicht, dass Christoph jemals provozieren wollte.“ (Lilienthal über Schlingensief) – Das meint er übrigens ernst.

Dirk Pilz bedauert, dass die Aktion, bei der Schlingensief eine Million Menschen in den Wolfgangsee steigen lassen wollte, um Helmut Kohl ertrinken zu lassen, nicht geklappt hat.

Schlingensief „hat bei jeder Aktion die politische Intention ad absurdum geführt.“ (Lilienthal)

Lilienthal sagt, dass der Begriff politisches Theater in dem Moment, in dem Claus Peymann ihn für sich reklamiert, jegliche Bedeutung verliert.

Lilienthal springt über den Versuch, ein Flüchtlingshaus in München als kulturellen Treffpunkt zu öffnen. Es gehe darum, sich ein Thema zu greifen.

„Mich interessiert, eine Sozialwohnung direkt vor Yves St. Laurent zu haben.“ (Lilienthal). Es geht um die die „Neubesiedelung“ der Maximilianstraße. (Lilienthal über das Projekt „Shabby Shabby Apartments“)

Und dann ist da noch das Bild von Dirk Pilz im Bademantel auf der Maximilianstraße.

„Für vielen von uns wird in 20 Jahren der innerstädtische Raum verloren gegangen sein.“ (Lilienthal)

Sophie Diesselhorst (nachtkritik.de) berichtet von der Aktion „Erster europäischer Mauerfall“ des Zentrum für politische Schönheit.

„Bezahlt habe ich mit (…) aktionistischer Berichterstattung.“ (Diesselhorst)

Diesselhorst spricht von der Austeilung in die Rollen von Kritikerin und Aktivistin.

Diesselhorst fehlte echte Partizipation, ein Verständnis der Teilnehmer als Mitmacher, nicht als Statisten.

Lilienthal fand die Aktion großartig: „Es ist ein sehr polemisches Bild entstanden.“

Bilderproduktion steht für Lilienthal im Mittelpunkt politischer Theaterarbeit.

Lilienthal vergleicht das so unterschiedlicher Image heutiger „Schlepper“ mit denen von früher („Fluchthelfer“).

„Mir ist immer lieber, ich stelle mir die Realität vor und male sie mir so.“ (Lilienthal)

„Das in Kunstharz gegossene deutsche Stadttheater ist ein dämliches Klischee.“ (Lilienthal)

„Darf ich raten?“ (Pilz) „Nein.“ (Lilienthal – nicht – über die Eröffnung seiner ersten Kammerspiele-Spielzeit)

Erkenntnis: Selbst heute ist Schlingensief (beispielsweise sein Umgang mit Behinderten) noch umstritten.

Heutige Aktionskunst ist patchworkartiger als früher, sagt Lilienthal. Es gäbe deutlich andere Resonanzräume.

„Natürlich ist Aktionskunst ohne das Netz undenkbar. (…) Du musst Aktionskunst heute immer zu zwei Dritteln im Netz denken.“ (Lilienthal)

Pilz fragt, was politische Kunst zu einem Erfolg macht. Lilienthal nennt die Flüchtlingshausaktion: „Das ändert für die Stadt München sehr wohl was.“

„Es braucht ein Beharrungsvermögen der am Theater Verantwortlichen und der politisch Verantwortlichen.“ (Lilienthal)

„Das HAU war ein Erfolg in dem Moment, wo ich gesagt habe, dass ich aufhöre.“ (Lilienthal)

Lilienthal ist „gute Sozialarbeit immer lieber als schlechte Kunst.“

Dirk Pilz wünscht viel Erfolg in München und will dann danach wissen, was Erfolg sei.

 

PS: Wie das bei LiveBloggen so ist laufen Sachen auch mal gleichzeitg (oder ungleichzeitig?) Zumindest haben Eva Biringer und ich, anton, parallel zu Sascha auch versucht mitzuschreiben. Da solche Versuche des gleichzeitigen Zuhörens und Schreibens immer nur scheitern können, hier unsere kryptischen Notizen als Beispiel für #SchönerScheitern:

Matthias Lilienthal, früher Volksbühnen-Dramaturg und heutiger Intendant der Münchner Kammerspiele im Gespräch mit nachtkritiker Dirk Pilz.

„Die Frage ist nicht ob, sondern wie Theater politisch sein kann.“ schickt Dirk Pilz dem Gespräch voraus.

Lilienthal beginnt mit Beispielen von Christoph Schlingensief, von der Planung der Ermordung Helmut Kohls bis zu AUSLÄNDER RAUS in Wien. Hier ein Eindruck:

Ist Intervention im politischen Raum heute noch möglich?

Bericht Sophie Diesselhorst zur Mauerkreuz-Aktion vom Zentrum für politische Schönheit und ihrer unklaren Rolle: Berichterstatterin? Politische Aktivistin? Performerin? Kritikerin? Twittern wurde auf Nachtkritik sehr kritisiert: Diesselhorst würde Aktion promoten

Lilienthal bringt Beispiel PEACHES CHRIST SUPERSTAR

Lilienthal schließt mit den schönen Worten: „Im Zweifelsfall ist mir gute Sozialarbeit lieber als schlechte Kunst!

Schlingensief hat nie politisches Theater gemacht. Wenn dann sozial. Wenn er auf einer Podiumsdiskussion als Agent Provocateur angekündigt wurde, ging er nicht hin

Die über die 5%-Hürde springenden Delfine bei Chance2000 vgl #delfine

Schlingensief: „Baden im Wolfgangssee“ Pilz: Kohl töten hat ja nicht geklappt, leider

https://jelinekschlingensief.wordpress.com/2011/01/08/elfriede-jelinek-uber-baden-im-wolfgangsee/

Wann ist (politisches) Theater ein Erfolg? Lilienthal: Wenn ein Flüchtlingshaus in Münchens Zentrum etabliert wird

War HAU ein Erfolg? Ja, ab dem Tag der Bekanntgabe von Lilienthals Kündigung

50% vom Gehalt für Miete ist heute in München Realität. In 10 Jahren in Berlin auch, prognostiziert Lilienthal

Sex mit Delphinen – ein Erfahrungsbericht von der Überforderungsfront

Eines vorneweg: Worum es bei Nishant Shahs Eröffnungsvortrag mit dem schönen Titel „Beyond the Spectacle Imperative: Performing Change in the age of the digital“ ging, weiß ich nicht. Hängen geblieben ist die Großmutter, die nicht gemachte Fotos ihres Lebens nachstellt, die Porno-Comic-Heldin, die zur Ikone von Meinungsfreiheitsaktivisten geworden ist und Sex mit Delphinen. Das liegt in der Natur der Sache. Wir sind hier bei einer Konferenz namens „Theater und Netz“. Nun mag das Theater ja ein halbwegs überschaubares Medium sein (vollkommen ungerechtfertigte Vereinfachung), das Internet ist es sicher nicht. Und so ist man als Blogger, der auf seine Social Media Credibility (das sagt man heute so) achten muss, bei solchen Veranstaltung unter Druck, zu twittern, weiterzuleiten, zu teilen und was man sonst noch so tut. Da bleibt dann fürs Zuhören wenig Zeit, fürs Verstehen noch weniger. Viel wichtiger ist es da, die meistgeteilten, schnellsten, originellsten oder zumindest witzigsten Tweets abzuschicken, eine Art Coolness Contest 2.0 unter uns Kulturnerds, einer neuartigen Spezies, bei der noch keiner so recht weiß, ob sie denn schätzenswert sei. Multitasking ist das Gebot – und doch nur eine Übung im Scheitern. Denn natürlich geht das gründlich schief, bleiben am Ende nur Soundbites (selbst zum Fotos schießen bleibt keine Zeit, für einen vernünftig reflektierten Blog-Post, der dieser hier nicht sein kann, erst recht nicht).

Im Überforderungsraum (Foto: Adrian Anton)
Im Überforderungsraum (Foto: Adrian Anton)

Da fragt sich der geübte Webnomade bald, ob das Internet nicht in erster Linie ein Raum ist, in dem man sich leicht überfordern lassen kann und darüber noch schneller vergisst, dass Wahrnehmung und Verständnis sich mehr und mehr fragmentarisieren. Am Ende bleiben Soundbites, 140-Zeichen-Gedankenansatzversuche, die weder Raum noch Zeit lassen, sich die angedeuteten Fragen überhaupt zu stellen. Und die am Ende nicht nur nicht erlauben, zu begreifen, worin der Dozent die dunkle Seite des Internets begreift, sondern das Hinterfragen dieser Überforderung unmöglich machen. Und so wird und muss natürlich auch dieses Live-Blog-Scheitern, so es mehr will als von stallenden Delfinen zu faseln. Zumal auch dieser Text entsteht, während der Autor versucht, einem Workshop zu lauschen. Vielleicht ist die Paarung von Theater und Netz nur als nichtklinische Variante schizophrener Ich-Aufspaltungen zu verstehen. Womit wir beim Thema „Identität und Internet“ wären. Doch das ist ein ganz anderer Tweet.