Kollaborative Zusammenfassung des gestrigen Workshops „Digitales Theatermarketing“ aufgrund völliger Unfähigkeit der Erstautorin in Echtzeit bzw. noch am ersten Konferenztag zu bloggen.

Ursprüngliche Überschrift: Ingos Liste (Nr. 4 trieb mir die Tränen in die Augen!)

In Sachen digitales Theatermarketing ist Ingo Sawilla vom Residenztheater München ja so etwas wie das Goldene Kalb. Ich konnte mich also gerade so bremsen, ehrfürchtig um ihn herum zu tanzen, als er heute gestern auf der #tn15 gemeinsam mit Markus Dietze, Intendant des Theater Koblenz, Einblicke in seine tägliche Arbeit erlaubte. Alternativ versuche ich nun also mehr oder weniger unterhaltsam darüber zu bloggen. HERE. WE. GO.

Mist. Pulver verschossen! Nochmal von vorne…

Heute habe ich in der Heinrich-Boell-Stiftung in Berlin einen Herrn namens Ingo Sawilla kennen gelernt. Der macht was mit Theater. Ingo Sawilla war sehr nett. Der hatte eine Kappe und sogar ein Nasenpiercing! Wenn ich groß bin, möchte ich so werden wir er.

Zapperlott!

Berlin, den 2. Mai 2015: Etwa 50 Social Media Menschen ÖA-Arbeiterbienchen aus aller Herren Bundesländer interessierten sich am Samstag für die Ausführungen der Herren Sawilla und Dietze, die – moderiert von der nachtkritik.de-Redakteurin Anne Peter – aus ihren Theaterhäusern in München und Koblenz berichteten: Best practice Vorbilder für die Republik in Sachen Onlinekommunikation.

Nee, kannste so auch nicht machen…

  • Mami, Mami? Was heißt „State of the Art“?
  • „State of the Art“ ist, wenn Ingo Sawilla vom Residenztheater gemeinsam mit Markus Dietze, dem Intendanten des Theater Koblenz, einen Workshop zum Thema „Digitales Theatermarketing“ hält und Letzterer Ersteren fragt: „Ist es okay, wenn ich dich meerkate?“

Best of der Resi’schen Onlinekommunikationsgrundsätze:

  • In erster Linie geht es ums Geschichten erzählen. #Storytelling
  • Öffentlichkeitsarbeit hat etwas mit #Kommunikation zu tun. #Oha #Gutzuwissen
  • Authentizität. #TweetCredibility
  • Unterscheidbarkeit #wasmachendieanderen
  • Social Media in Echtzeit bespielen. #nichtsistsoaltwiederschlussapplausvongestern
  • Relevanz! Relevanz! Relevanz! Relevanz! #Relevanz
  • Politische Botschaften vors Haus hängen! #daswirdmanjawohlnochsagenduerfen
  • Online und offline verknüpfen! #emailsausdrucken

Notiz an mich:

Drohne kaufen. Drohne im Theater fliegen lassen. Episches Bildmaterial bekommen. (Ingo Sawilla auf Post-it)

„Natürlich habe ich das dann auch noch verbloggt.“

(Ingo Sawilla über das Problem, zu viel gutes Bildmaterial zu besitzen)

von uns beiden

LiveBlog: Theater zwischen Pegida und Lampedusa

Amelie Deuflhard (Kampnagel) und Wilfried Schulz (Staatsschauspiel Dresden) im Gespräch mit Mekonnen Mesghena.

Kurz vorab als Warnung/Disclaimer/Entschuldigung: Dieser Beitrag entsteht live [wie es sich für ein LiveBlog gehört] während des Panels/Gesprächs bei Theater + Netz. Auf Grammatik, Syntax oder Sinnhaftigkeit kann somit nur bedingt geachtet werden… Vielleicht vermittelt sich aber dennoch ein Eindruck, vielleicht helfen die Notizen im Nachhinein als Gedächtnisstütze, vielleicht regen die Links und Verweise zum Recherchieren und Nachbereiten an…

Erstes unvermeidbares und hoch aktuelles Thema: Ermittlungsverfahren gegen Amelie Deuflhard wegen Vorwurf des Verstoßes gegen das Aufenthaltsrecht, da beim Projekt Eko-Favela von Baltic Raw fünf Lampedusa-Flüchtlinge Unterkunft bekommen haben.

Wer mehr darüber lesen will: Hier ein Artikel in DIE WELT

#MakeLoveNotFlüchtlingskontrolle oder bald #FreeAmelie @kampnagel
#MakeLoveNotFlüchtlingskontrolle oder bald #FreeAmelie @kampnagel

Ein Einblick in die Eko-Favela Lampedusa Nord:

Frage an Wilfried Schulz: Wie dynamisch verändert sich die Lage in Dresden?

„Bei uns ist natürlich erstmal weniger lustig als bei euch.“ Aufgabe von Stadttheater und auch Legitimation: Orte der Auseinandersetzung zu schaffen – „Auch wenn es für euch von rechts außen vielleicht nicht stimmt“.

„Viele Themen werden weniger kontrovers diskutiert, sie werden weggewischt.“

Stilisierung im Diskurs von Dresden als „Opferstadt“, nicht als „Täterstadt“ ist eine Grundlage für Pegida.

Kunst und Kultur muss, ob sie will oder nicht, in eine Lücke springen, die die Politik zeigt.

Pegida nimmt für sich in Anspruch zu behaupten „Wir sind das Volk“ – und niemand hat widersprochen.

Reaktion der Kulturschaffenden: Gründung von WOD Welt-Offenes-Dresden, da das Problem die Teile der Gesellschaft sind, die sich nicht positioniert.

Beispiel Inszenierung SCHÖNE NEUE WELT von Roger Vontobel, wo eine Aufforderung zu mehr Toleranz 800 Leute zum Aufstehen bewegt.

Deuflhard: Der öffentliche Raum, der uns gegeben ist, muss zur Positionierung genutzt werden.

Verweist auf verschiedene Künstlergruppen, z.B. Gintersdorfer/Klaßen

Anders als Dresden ist Hamburg eher konversativ aber liberal, aber auch hier 5% der Wählerschaft, die die AFD wählen.

Schulz: Dresden charakterisiert, dass es hier keine „Fremden“ zu sehen gibt – perverser Weise.

Die Sichtbarkeit in der Stadt Dresden ist nicht gegeben. Flüchtlinge werden in kleinen Dörfern 50km entfernt untergebracht. Die sozialen Folgen sind verheerend.

Fazit Schulz: Auf Augenhöhe Menschen einladen!

Amelie Deufelhardt und Wilfried Schulz zu Theater zwischen Pegida und Lampedusa. Foto: Adrian Anton
Amelie Deuflhard und Wilfried Schulz zu Theater zwischen Pegida und Lampedusa. Foto: Adrian Anton

Deuflhard:

Große Aufgabe ist es, den Begriff des Bürgertums zu erweitern.

Rechtsradikale Kommentare verunmöglichen.

Frage: Wälzt die Politik Verantwortung auf Kultur ab?

„Kunst ist frei“ als Grundlage dafür, den Bewohnern der Favela sagen zu können „Ihr seid hier fast so sicher wie in der Kirche“.

Verweis auf einstweilige Verfügung gegen Flüchtlingsheim in Hamburg Harvestehude. Wer mehr dazu lesen will, hier ein Artikel im Spiegel

Schulz: Politik hat ein großes Defizit, da es ihr schwer fällt, Haltung zu beziehen.

Die Politik spült sich weich nach Meinungsumfragen. Die Probleme haben wir nicht, wir können Haltung beziehen.

Politisch bewußt Kunst zu machen wird der Weg der nächsten Jahre sein.

Der Haken: Als Stellvertreter der Politik muss die Kunst das Verrückte und Irrationale aufgeben müssen, da sie sich mehr an den Idealen der rationalen Aufklärung orientieren wird.

Polarisierung notwendig, um Haltung zu beziehen, die sonst fehlt.

Wir sind im Kern keine Sozialarbeiter, wir sind Künstler oder Kunst-zur-Verfügung-Steller. (Anm.d.R.: Habe ich das richtig verstanden?)

Hoffnung, dass die Zivilgesellschaft erwacht und sich öffnet.

Man muss sich positionieren, man muss Bündnispartner dafür finden.

Noch sind die Theater an allen Fronten stark. Kämpft für diese Theater als Orte, denn es gibt nicht mehr viele Orte, die solche Gespräche ermöglichen.

Deuflhard: Vernetzt euch! Vernetzung ist unheimlich wichtig, gerade für Projekte mit Flüchtlingen, die zwischen Legalität und Illegalität stehen.

Beispiel DIE FLÜCHTLINGE von Elfriede Jelinek, Regie Nicolas Stemann, Diskussionen über Aufenthaltsstatus und Bezahlung

Anm.d.R.: An dieser Stelle war mein Akku alle + keine Steckdose in Sicht – sehr bezeichnend. #SchönerScheitern
Aber das Gespräch bewegte sich ohnehin dem Ende zu – wer noch Ergänzungen hinzufügen möchte: Gerne die Kommentar-Funktion nutzen!

RanKING

„Plattform oder Player: Wie kann Theater politisch sein?“ – Versuch eines Live-Tickers

Dirk Pilz (nachtkritik.de) spricht mit Matthias Lilienthal, Intendant Münchner Kammerspiele 

Politik als „Verpflichtungsbegriff, der kaum noch Differenzierungsmöglichkeiten bietet“ (Dirk Pilz)

„Das ist die erste Podiumsdiskussion, bei der ich als Rentner bezeichnet werde.“ (Matthias Lilienthal)

„Theater braucht immer auch Identitätsbehauptungen.“ (Lilienthal)

„Ich sehe mich viel eher als eine Plattform.“ (Lilienthal) – Das Theater als Player findet er eher langweilig.

„Ich glaube nicht, dass Christoph jemals provozieren wollte.“ (Lilienthal über Schlingensief) – Das meint er übrigens ernst.

Dirk Pilz bedauert, dass die Aktion, bei der Schlingensief eine Million Menschen in den Wolfgangsee steigen lassen wollte, um Helmut Kohl ertrinken zu lassen, nicht geklappt hat.

Schlingensief „hat bei jeder Aktion die politische Intention ad absurdum geführt.“ (Lilienthal)

Lilienthal sagt, dass der Begriff politisches Theater in dem Moment, in dem Claus Peymann ihn für sich reklamiert, jegliche Bedeutung verliert.

Lilienthal springt über den Versuch, ein Flüchtlingshaus in München als kulturellen Treffpunkt zu öffnen. Es gehe darum, sich ein Thema zu greifen.

„Mich interessiert, eine Sozialwohnung direkt vor Yves St. Laurent zu haben.“ (Lilienthal). Es geht um die die „Neubesiedelung“ der Maximilianstraße. (Lilienthal über das Projekt „Shabby Shabby Apartments“)

Und dann ist da noch das Bild von Dirk Pilz im Bademantel auf der Maximilianstraße.

„Für vielen von uns wird in 20 Jahren der innerstädtische Raum verloren gegangen sein.“ (Lilienthal)

Sophie Diesselhorst (nachtkritik.de) berichtet von der Aktion „Erster europäischer Mauerfall“ des Zentrum für politische Schönheit.

„Bezahlt habe ich mit (…) aktionistischer Berichterstattung.“ (Diesselhorst)

Diesselhorst spricht von der Austeilung in die Rollen von Kritikerin und Aktivistin.

Diesselhorst fehlte echte Partizipation, ein Verständnis der Teilnehmer als Mitmacher, nicht als Statisten.

Lilienthal fand die Aktion großartig: „Es ist ein sehr polemisches Bild entstanden.“

Bilderproduktion steht für Lilienthal im Mittelpunkt politischer Theaterarbeit.

Lilienthal vergleicht das so unterschiedlicher Image heutiger „Schlepper“ mit denen von früher („Fluchthelfer“).

„Mir ist immer lieber, ich stelle mir die Realität vor und male sie mir so.“ (Lilienthal)

„Das in Kunstharz gegossene deutsche Stadttheater ist ein dämliches Klischee.“ (Lilienthal)

„Darf ich raten?“ (Pilz) „Nein.“ (Lilienthal – nicht – über die Eröffnung seiner ersten Kammerspiele-Spielzeit)

Erkenntnis: Selbst heute ist Schlingensief (beispielsweise sein Umgang mit Behinderten) noch umstritten.

Heutige Aktionskunst ist patchworkartiger als früher, sagt Lilienthal. Es gäbe deutlich andere Resonanzräume.

„Natürlich ist Aktionskunst ohne das Netz undenkbar. (…) Du musst Aktionskunst heute immer zu zwei Dritteln im Netz denken.“ (Lilienthal)

Pilz fragt, was politische Kunst zu einem Erfolg macht. Lilienthal nennt die Flüchtlingshausaktion: „Das ändert für die Stadt München sehr wohl was.“

„Es braucht ein Beharrungsvermögen der am Theater Verantwortlichen und der politisch Verantwortlichen.“ (Lilienthal)

„Das HAU war ein Erfolg in dem Moment, wo ich gesagt habe, dass ich aufhöre.“ (Lilienthal)

Lilienthal ist „gute Sozialarbeit immer lieber als schlechte Kunst.“

Dirk Pilz wünscht viel Erfolg in München und will dann danach wissen, was Erfolg sei.

 

PS: Wie das bei LiveBloggen so ist laufen Sachen auch mal gleichzeitg (oder ungleichzeitig?) Zumindest haben Eva Biringer und ich, anton, parallel zu Sascha auch versucht mitzuschreiben. Da solche Versuche des gleichzeitigen Zuhörens und Schreibens immer nur scheitern können, hier unsere kryptischen Notizen als Beispiel für #SchönerScheitern:

Matthias Lilienthal, früher Volksbühnen-Dramaturg und heutiger Intendant der Münchner Kammerspiele im Gespräch mit nachtkritiker Dirk Pilz.

„Die Frage ist nicht ob, sondern wie Theater politisch sein kann.“ schickt Dirk Pilz dem Gespräch voraus.

Lilienthal beginnt mit Beispielen von Christoph Schlingensief, von der Planung der Ermordung Helmut Kohls bis zu AUSLÄNDER RAUS in Wien. Hier ein Eindruck:

Ist Intervention im politischen Raum heute noch möglich?

Bericht Sophie Diesselhorst zur Mauerkreuz-Aktion vom Zentrum für politische Schönheit und ihrer unklaren Rolle: Berichterstatterin? Politische Aktivistin? Performerin? Kritikerin? Twittern wurde auf Nachtkritik sehr kritisiert: Diesselhorst würde Aktion promoten

Lilienthal bringt Beispiel PEACHES CHRIST SUPERSTAR

Lilienthal schließt mit den schönen Worten: „Im Zweifelsfall ist mir gute Sozialarbeit lieber als schlechte Kunst!

Schlingensief hat nie politisches Theater gemacht. Wenn dann sozial. Wenn er auf einer Podiumsdiskussion als Agent Provocateur angekündigt wurde, ging er nicht hin

Die über die 5%-Hürde springenden Delfine bei Chance2000 vgl #delfine

Schlingensief: „Baden im Wolfgangssee“ Pilz: Kohl töten hat ja nicht geklappt, leider

https://jelinekschlingensief.wordpress.com/2011/01/08/elfriede-jelinek-uber-baden-im-wolfgangsee/

Wann ist (politisches) Theater ein Erfolg? Lilienthal: Wenn ein Flüchtlingshaus in Münchens Zentrum etabliert wird

War HAU ein Erfolg? Ja, ab dem Tag der Bekanntgabe von Lilienthals Kündigung

50% vom Gehalt für Miete ist heute in München Realität. In 10 Jahren in Berlin auch, prognostiziert Lilienthal

Überforderungskurs oder Kuschelkonferenz?

Berlin 2015

Erster Konferenztag – Fazit von Anne Aschenbrenner

Hilfe, ich habe glutenfrei gegessen. Von Tellern aus Palmblatt! Austausch war in den Workshops, in denen ich war, nicht wirklich, mehr eine Mischung aus Selbsterfahrung und substantivierter Erklärungsnot. Erstaunlich viele TeilnehmerInnen sind zum ersten Mal da – viele auch zum zweiten Mal – wie viele werden es zum letzten Mal sein?

Als Wienerin bin ich genetisch veranlagt alles schlecht zu finden, dabei ist alles gar nicht so wahr: ich hab noch nie so gut glutenfrei gegessen, selten Selbsterfahrung so pointiert gehört wie bei Ingo Sawilla vom Resi, noch nie bei einem Vortrag (Delfine und Internet), den ich nicht richtig verstanden hab, so amüsiert.

Was kann Theater & Netz jetzt noch –  außer die rhetorische und onomatopoetische Verknüpfung von Essen und Trinken á la Kaffee und Kekse und Bier und Brezeln?

Bleiben wir mal beim Negativen: Der interaktive Part vom letzten Jahr hatte die Konferenz nicht nur um eine Ebene erweitert, sondern vielmehr auch zwei Ebenen miteinander verbunden, das Digitale und das Analoge. Das war faszinierend zu beobachten und spannend mitzutun. So ein Part fehlt heuer ganz: Eine Twitterwall war heute zwar zeitweise eingeblendet, was in vielen Diskussionen über Digitales (hier wie auch woanders) aber fehlt, ist Tweets auch einzubinden. Darauf zu reagieren. Auch analog. So spricht man im Podium zwar über Livestreaming, auf Twitter entstehen parallel dazu Diskussionen, die auch (wertvolle) Beiträge und Anregungen von außen enthalten, also außerhalb des analogen Erfahrungsraumes. Und dann gehen wir drauf nicht ein. Ist es nicht das, wonach wir suchen? Nach einer Verknüpfung aus Digitalem und Analogen? Nach einer Erweiterung von Erlebnisräumen? Warum macht man Livestream, wenn man dann die Leute außerhalb dann die Tragödie mit ansehen lassen, aber nicht interagieren können? Muss Livestream da enden wo man dann das Mikro abdreht?

Wirklich gut aber war die Session „Social Media Marketing: Mit dem Residenztheater München und dem Theater Koblenz konnten nicht nur selbstredende Vortragende gewonnen werden, sondern auch charismatische, vor Begeisterung sprühende. Es hätten aber auch nicht Gegensätzlichere sein können: Während Ingo Sawilla die Social Media Kanäle aus dem Bauch heraus bespielt und Redaktionspläne ablehnt („Ich hab einen Spielplan, was brauch ich dazu noch einen Redaktionsplan“) – der Anti-Streber hat auch keine Powerpoint  vorbereitet – findet Markus Dietze – mit PowerPoint! – vom Theater Koblenz ganz andere Worte: Nicht alles was im Theater abgeht ist für die Öffentlichkeit bestimmt, nicht alles darf einfach so raus, nicht jeder darf einfach so vor sich hin posten: pro Redaktionsplan, pro Struktur, auf allen Linien. Die Begeisterung für Social Media und die Bereitschaft Neues zu probieren ist nicht minder spürbar.

Anlässlich der Session  „Theaterblogs Backstage: kritische Reflexion oder Öffentlichkeit selbst gemacht?“ entstand im digitalen Niemandsland der Eindruck: BloggerInnen sind immer zu nett. Die Grundeinstellung ist immer wieder eine positive. Das war auch Thema des Bloggerspace: Dienen Blogs dazu freie Szene sichtbar zu machen oder sind Blogs Raum für auch kritische Auseinandersetzung. Anders gefragt: will das glattgebügelte Zeug eigentlich noch jemand lesen?

Hateblogs als Allzweckswaffe im kulturpolitischen Diskurs? Das probieren wir jetzt aus.

Praxis des digitalen Theatermarketings

Perlen des Theatermarketings in Social Networks

„Wir sind jetzt auch bei Facebook, folgt uns!“

„Wir sind jetzt auch bei Twitter, folgt uns!“

„Wir haben gerade ein Video positiv bewertet. Seht her youtubelink“

„Peter, es gibt noch viele leere Plätze für die nächste Aufführung. Mach doch mal ein Gewinnspiel für Facebook“

„Peter, die Vorstellung ist immer noch nicht ausgebucht. Ruf doch mal in der Grundschule an. Wir geben denen Freikarten, dann machen wir ein paar Bilder für unseren Instagram Account #Musikvermittlung.“

„Unsere Probe läuft auf Hochtouren“: [Backstagebild]

„Heute wieder Stückname, beginnt um Uhrzeit“

„Wir freuen uns auf euch!“ [Bild der Schauspieler]

„Peter, dass kannste so nicht twittern. Man muss #jedes #Wort @verlinken“

„Heute wieder die wundervoll feenhafte Inszenierung von Name, die Presse war begeistert. Wir wünschen unseren Künstlern TOI TOI TOI (Es gibt noch Karten)“

„LETZTE PROBE!!!!!! Die feurige Irrfahrt des jungen Kosmopoliten reisst den Zuschauer in eine atemberaubende Traumwelt, aus der er gar nicht mehr heraus kommen möchte“ [Probenbild]

„Unsere neuen Plakate sind online“ [Plakatbild]

„Am 18. Juni 2014 um 19:15 Uhr wird die 2. Wiederaufnahme des am 4. Mai 1940 verstorbenen, russischen Dramaturgen und Vater von 5 Töchtern im kleinen Foyer unserer Gastspielstätte in der Martin Luther Straße 4, in 3823423 Hausen, nach zweimonatigen Probezeiten ( jeweils von 10-20 Uhr am Dienstag, 8-19Uhr an Mittwochs und 15-19 Uhr an Feiertagen, die eine christliche Religion feiern), nach langem Warten und zwischenzeitlicher Krankheit von zwei italienischen Sängern, wieder aufgenommen“

„Wir gratulieren unserer dritten Regieassistenten Susanne Keil, für den vierten Platz beim Festivalwettbewerb „Theater mit Tuba“. Wir sind super stolz auf dich 🙂 [Bild mit der zweiten Regieassistentin Julia Faun]

(Holger Kurtz)

Theaterblogs backstage: „Die Party ist bei uns“

Der Blogger Space wandert in diesem Jahr von Saal 1 ins Hinterzimmerchen der Heinrich Böll-Stiftung. Schade, wenn man den Blog wie ein Teilnehmer der Konferenz Theater und Netz als eine „Homemade-Öffentlichkeit“ versteht, in die der Leser gemeinhin keinen Einblick hat.
Reger besucht als dieser Blogger Space – dabei soll sich dort ein geheimes Cookie-Lager befinden! – ist der Workshop „Theaterblogs backstage: Kritische Öffentlichkeit oder Reflexion selbst gemacht?“ Es sprechen: Bianca Praetorius, Theatertreffenblogbeauftragte (der Einfachheit halber TT-Blog) und erste Ansprechpartnerin, wenn es um Internet und Theater geht (bald schon so, wie Alice Schwarzer für Feminismus). Des weiteren Jochen Strauch, zuständig für Kommunikation am Hamburger Thalia Theater, mit strukturierterer Powerpoint-Präsentation als Bianca, bei fast gleich hohem Sprechtempo. Außerdem unter den Zuschauern: Theaterinterne der Oper Stuttgart, dem Theater Koblenz und Karlsruhe, das, genau wie das DT Berlin, einen hausinternen Blog plant.
Zunächst skizziert Bianca das Konzept des TT-Blogs, dessen Leitung sie vergangenes Jahr von Nikola Richter übernahm. Ihre Änderungen waren vor allem visueller Natur: keine Textwand mehr, sondern multimedial blinkende Felder. Bianca begründet dies mit der gewagten These „Im Internet liest man nicht mehr, sondern scrollt sich nur so durch, aus Gier und der Angst, etwas zu verpassen.“ Raunendes Publikum. Abgesehen davon, wurde aus dem Blog ein „Orchester“, heterogen und interdisziplinär, eine Art Ausbildungsformat für angehende Kulturjournalisten. Mit Erfolg: 2015 erreichten sie doppelt so viele Bewerbungen wie letztes Jahr.
Den TT-Blog sieht Bianca als produktive Überforderung für alle Daheimgebliebenen. Wer sind diese Daheimgebliebenen, sprich die Leser? Der Zahnarzt aus Wilmersdorf gehöre wohl eher nicht dazu (Merke: Der Wilmersdorfer Zahnarzt muss als Platzhalter für den traditionsverhafteten, analogen TT-Zuschauer herhalten, als einer, der mit einem # nichts anzufangen weiß. Somit liegt dieser Wilmersdorfer Zahnarzt im Theaterzuschauerranking etwa auf gleicher Höhe wie der später von Tim Renner zitierte Detmolder).
Für die Zukunft wünscht sich Bianca mehr Twitter im Theater und weitere experimentelle Formate, wie der neueste TT-Streich, ein für den 12. Mai angesetztes Whatsapp-Kritik-Quartett. Für Überraschung sorgt ihr für einen digital native überraschendes Abschlussstatement: „Wenn es auf der Bühne spannend wird, kommt kein Schwein auf die Idee, sein Smartphone rauszuholen.“
Bevor es spannend weitergeht mit Jochen Strauchs angenehm selbstironischem Vortrag also schnell das Smartphone rausgeholt. Strauch zufolge kann die 2009 initiierte Thalia Community als grandios gescheitert gelten, ihr einziges Überbleibsel ist der Username beim Kartenkauf im Netz. Ziel dieser Community sei es gewesen, Publikumsschichten aufzubrechen, damit diese „nicht mehr nonstop blond und grau vor sich hinsitzen.“ (Frage: Ist ein grauhaariger Wilmersdorfer Zahnarzt schlimmer als ein blonder?) Heute beschäftige sein Haus Premierenblogger, bespiele die Social Media Week und pflege in den sozialen Netzwerken den Publikumsdialog – „Thank you for sharing.“ Den Theaterinternen helfen die Blogger aus der sich selbst fütternden Feedbackschleife heraus.
Stichwort Feedbackschleife: Die anschließende Diskussion beginnt mit dem viel zitierten (und beklagten) Spagat eines Theaterblogs zwischen seiner Institution und seinem unabhängigem Anspruch. Also: Traut sich der Theaterblogger, die Hand zu beißen, die ihn füttert? Bianca betont, dass ihre sechs Blogger mit ihren heterogenen Hintergründen (sie würde sagen: background) kritisch sein sollen, ja richtiggehend dazu angehalten werden, nach dem Motto: „Seid bloß nicht zu nett!“ Auch sei der TT-Blog keinesfalls zu verwechseln mit dem offiziellen Blog der Berliner Festspiele – „Die Party ist bei uns.“ Auch Jochen besteht auf der Unabhängigkeit des Premierenblogs bei den Lessingtagen. Was er seltsam findet ist, wenn Leute den in den sozialen Netzwerken angestimmten Ton seines Hauses beklagen: „Warum ist das Thalia Theater bei Facebook und Twitter so flapsig und nicht, wie es eigentlich ist?“ Finde ich auch seltsam, wer fragt denn so was?
Klar ist, das Internet ist ein Minenfeld, mit den Shit Storms als digitale Projektile. Noch so ein auch ohne Kontext funktionierendes Bianca-Bonmot: „Wer ein Smartphone besitzt, sitzt eh schon im Problemboot.“ Es ist dann noch die Rede von einer analogen Gegenbewegung zu dem ganzen Internet im Theater, back to basic sozusagen. Oder ist das kein theaterinterner Trend, sondern ein breiter gesellschaftlicher?
Für alle Daheimgebliebenen hätten wir, abgesehen vom Blogger, noch drei Theaterberufe mit Zukunft: Digitaldramaturg oder Hateblogger – hoppla, in Karlsruhe gibt’s letzteres schon – oder Embedded Blogger, also ein den Probenprozess begleitender Schreiber. Hier muss ich den teilnehmenden Beobachterposten verlassen und aus eigener Erfahrung widersprechen: diese Art Journalismus wird zumindest von den Beteiligten, also dem Ensemble und Team, nicht sehr geschätzt. Das weiß ich, weil ich letztes Jahr Mäuschen gespielt habe bei den Proben zu Fritschs „Schule der Frauen“ am Hamburger Schauspielhaus – ein mit allen Beteiligten abgesprochenes Projekt, das nach Veröffentlichung für allerlei Chaos sorgte. Der Probenraum soll ein geschützter sein, daran wird sich so schnell wohl nichts ändern.
Klar, dass das Patentrezept für die heikle Backmischung Theater – Blog – Internet auch um 15.59 Uhr nicht gefunden ist. Ein schönes Abschlusswort gibt’s trotzdem: „Wie das Leben, so das Netz.“ Eh klar. Wir Blogger wissen, die Öffentlichkeit ist eine hausgemachte.